Werde, wer du bist.

So formulierte der griechische Dichter Pindar in einer seiner Oden und legte damit offen, womit wir Menschen früher oder später zu kämpfen haben. Denn die Frage, wer wir eigentlich sind und wohin unser Lebensweg führt, beschäftigt manche von uns schon von Anbeginn des eigenen Lebens, andere fragen sich das erst, wenn die Lebenszeit sich dem Ende nähert.

Im jugendlichen Überschwang sind wir zumindest im Geiste Überflieger. Wollen alles anders, besser machen als die erwachsenen Vorbilder. Blicken nicht ohne Arroganz und Verachtung auf vermeintlich Etabliertes und damit aus unserer Sicht selbstverständlich zu Überwindendes. Sind aber doch auch so verletzlich, manchmal zerbrechlich angesichts der Herausforderungen des Lebens, die wir ahnen, aber nicht wahrhaben wollen. Sehen uns Großes vollbringen, wollen viel mehr als unsere Eltern, blicken kritisch auf deren häufig nicht immer geradlinig verlaufende Leben und fehlenden Ruhm, Ehre oder Reichtum. Die Kraft und überströmende Energie in uns verleidet dazu, uns selbst am Ende unseres Lebens auf höherem Niveau zu sehen. Und doch sind da immer die Zweifel, ob wir dieses Leben überhaupt bewältigen mit all den Widrigkeiten, die es möglicherweise für uns bereithält. Wir ahnen, mit welcher Wucht es zuschlagen könnte, um uns oder unsere Familie und unsere Freunde mit Unglück zu treffen. So hoffen wir dann unausgesprochen, dass wir verschont bleiben von dem, was all unsere Kraft und unseren Willen fordern könnte.

Diese Verfassung wird umrahmt von den Fragen, welche Fähigkeiten wir haben, wie wir sie einsetzen wollen und wie und ob wir sie entwickeln können. Mit Ausnahmen von genial veranlagten Menschen, die früh ihren Weg vorgezeichnet sehen oder entsprechend gefördert werden, ringen die Allermeisten darum, sich im Leben zu positionieren. Erschwert wird dieser Versuch meist noch durch die Suche nach einem Partner, der das eigene Wesen ergänzt und das Leben damit tragbarer und freudiger macht. So taumelt man also ins Leben hinein, mehr oder weniger gefestigt durch glückliche Umstände oder eine fest verwurzelte Natur. Den meisten ist weder das eine noch das andere gegönnt.

Werde, wer Du bist ist somit leichter gesagt, als getan. Wer ist man? Welchen Sinn hat das eigene Leben oder das Leben an sich? Eine weise alte Dame antwortete auf diese Frage: Der Sinn des Lebens – das ist das Leben selbst. Diese karge Antwort hält bei näherem Betrachten durchaus alle Fülle parat, die man eigentlich erwartete. Das Leben ist so wunderbar in seiner Vielfalt allein in der Natur, die bei näherem Betrachten Wunder auf Wunder präsentiert. Wenn es auch für jeden von uns Trauer, Schmerz, Wut und Verlust bereithält, gleicht es dies immer wieder durch Freude, Staunen, Begegnungen, Erfahrungen, Wissen, Weisheit und Glück aus, vorausgesetzt, wir sind bereit, dies auch so wahrzunehmen.

Die eigene Perspektive spielt wohl auch eine wesentliche Rolle in unserer Selbstwerdung. Denn erleichtert wird diese, wenn wir nicht sein wollen, was wir nicht sind. Wenn wir nichts von uns fordern, was wir schon aufgrund unserer Anlagen nicht leisten können. Wenn wir gnädig und liebevoll mit uns sind. Stolz darauf, was wir erreicht haben und noch erreichen werden, weil wir stark und mutig sind, weil wir uns nicht kleinkriegen lassen und nicht verzagen. Wenn wir nicht schielen auf das, was andere haben, leisten oder es ihnen einfach nur so zufliegt. Sie haben andere Aufgaben im Leben als wir. Meistern wir unsere Aufgaben und sehen wir unsere Potentiale und entwickeln sie. Dann werden wir, wer wir sind – einzigartig, so wie wir sind.

Oktober 22, 2018

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